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am 4. August

Grünzüge für Favoriten

Markus Strutzenberger-Egger - Es reicht nicht, dem Klimawandel nur zuzusehen. Um eine lebenswerte Stadt zu erhalten, braucht es Veränderung - mehr Grün, mehr Platz für umweltfreundlichen Verkehr und mehr Platz für Menschen.

Vor einigen Wochen habe ich ​darüber geschrieben​​, wie der Klimawandel unser Leben im Wien des Jahres 2050 ändern wird. Zur Erinnerung: Klimaforscher prophezeien für Wien im Jahr 2050 bis zu 10 Grad mehr im Sommer. In Wien wäre es dann in etwa so heiß wie in Skopje, Istanbul, Athen oder Rom.

Natürlich hoffen wir alle, dass Österreich und die internationale Staatengemeinschaft den Klimakollaps gemeinsam abwenden kann. Doch ungeschehen wird man die Erderwärmung nicht mehr machen können.  Darauf müssen unser schönes Wien rechtzeitig vorbereiten. Die meisten dieser Maßnahmen werden lange Jahre benötigen bis sie greifen, daher sollten wir ehestmöglich damit beginnen.

Die 15 Minuten Stadt

Unsere Vizebürgermeisterin Birgit Hebein hat kürzlich ein schönes Konzept vorgestellt. Von allen Winkeln unserer Stadt soll man in Zukunft maximal 15 Minuten benötigen um die meisten seiner Beschaffungen zu erledigen. Dies ist ein bewusster Gegenentwurf zu den Mega-Einkaufszentren der 1980er Jahre, zu denen man meist mit dem Auto fahren musste. Wir wollen zurück zu den lokalen Nahversorgern, Greisslern, Fleischern und Gemüsehändlern, die hochqualitative regionale Ware anbieten. Fördern kann man dies durch Begegnungszonen und Fußgängerzonen, also durch Verkehrsberuhigung. Internationale Untersuchungen zeigen klar, dass autofreie Bereiche die lokale Wirtschaft beleben. Die Favoritenstraße oder die Bloch-Bauer-Promenade im Sonnwendviertel sind gute Beispiele dafür. Aber natürlich könnte auch in Oberlaa oder in der Kreta so eine Grätzelzone entstehen. Man kann einfach viel angenehmer flanieren, wenn man nicht permanent Angst haben muss, dass seine Kinder von einem Auto überfahren werden.

Was diese Maßnahme mit dem Klimawandel zu tun hat sieht man erst auf den zweiten Blick. Durch die geringeren Distanzen entfallen viele Fahrten mit dem Auto. Stattdessen können fast alle täglichen Erledigungen zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt werden. Und dies spart wiederum viel CO2 ein.

Mehr Grünzüge durch Favoriten

Wer manchmal spätabends in grüneren Gegenden Wiens unterwegs ist wird bemerken, dass die Temperatur in der Nacht viel stärker sinkt als in dicht bebauten, baumlosen Teilen der Stadt. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass Blech, Asphalt und Beton sich bei Tag schnell aufheizen und die Hitze zusätzlich in großem Maße speichern. Sind Straße und Hausfassaden komplett aufgeheizt, strahlt die Hitze bis auf die gegenüberliegende Straßenseite. Diese erhitzt sich somit im Laufe des Tages ebenfalls, selbst wenn sie im Schatten liegt.

All diese gespeicherte Hitze wird bis spät in die Nacht wieder abgegeben. Wenn man an einem richtig heißen Sommertag um Mitternacht spazieren geht, dann fühlt man in diesen Straßen förmlich, wie die Hitze unangenehm aus allen Ritzen des Asphalts hochsteigt. Nennenswerte Abkühlung gibt es in solchen Straßenschluchten oft erst ab 2 Uhr morgens. Und wenn um 6 Uhr früh die Sonne hoch steigt, dann ist es wieder vorbei mit der angenehmen Kühle. An einen erholsamen Schlaf ist in der kurzen Zeit dazwischen kaum zu denken. Als ein Beispiel für eine derartige Straße fällt mir der Anfang der Davidgasse von der Triester Straße kommend ein.

Anders sieht es ein paar Gassen weiter aus: in der Inzersdorfer Straße oder die Hardtmuthgasse wird offensichtlich, was für einen Unterschied Baumpflanzungen für die Lebensqualität machen können! In diesen beiden Gassen gibt es Bäume, die vor Jahren gepflanzt wurden. Sie spenden Schatten und verdunsten durch ihre Blätter Wasser, was für zusätzliche Kühlung sorgt. Bereits tagsüber ist der Unterschied sehr groß. Man kann im Schatten einkaufen gehen und auf einem Bankerl sitzend den Eichkatzerln beim Rumspringen zusehen. Im Gegensatz dazu, wagen sich vor allem ältere Personen in Straßen ohne Beschattung unter Tags an heißen Tagen oftmals gar nicht mehr aus dem Haus. 

Der größte Unterschied wird aber oft gar nicht bewusst wahrgenommen. Geht abends die Sonne unter, so dauert es nicht sehr lange bis die Temperatur spürbar sinkt. Das liegt daran, dass - anders als in nicht beschatteten Gassen - der Asphalt und Beton sich tagsüber nicht so extrem erhitzen konnten, und auch die Spiegelung unterbunden wurde. Bereits gegen 22 Uhr ist es in diesen Gassen angenehm kühl. Das Schlafen bei geöffnetem Fenster wird zu einer echten Erholung. Statt 4 Stunden bleibt es 9 Stunden angenehm kühl. 

Zusätzlich zum positiven Einfluss auf die Hitzeentwicklung binden die Bäume auch Feinstaub und dämpfen sehr effektiv den Straßenlärm. 

Frischluft-Adern versorgen Favoriten

Favoriten hat ein ganz spezielles Ass im Ärmel: wir haben die Grüne Lunge gefüllt mit kühler frischer Luft direkt vor unseren Toren: im Süden gibt es im Bereich Oberlaa und am Wienerberg große Grünzonen. Von dort schwappt in der Nacht kühle Luft über den Laaer Berg und den Wienerberg und fließt entlang der großen Nord-Süd Straßen, wie zum Beispiel der Laxenburger Straße und der Favoritenstraße, nach Innerfavoriten. Über diesen Umstand gibt es bereits einige wissenschaftliche Forschungsarbeiten. Diese großen Straßen bilden also - vor allem in der Nacht – Frischluft-Arterien, die Favoriten mit guter kühler Luft versorgen. Nun sollten wir dafür sorgen, dass diese Adern auch effektiv arbeiten können. Und hier sehen wir sehr viel Handlungsbedarf!

Nehmen wir als Beispiel wieder die Laxenburger Straße in Innerfavoriten, also vom Hauptbahnhof bis zur Raxstraße. Bis auf den Bereich ab der Troststraße stadtauswärts gibt es hier nur wenige Bäume. Statt dessen finden wir ganze 10 Spuren Asphalt: Gehsteig, Parkspur, 2 (an manchen Stellen 3) Spuren für den Autoverkehr stadteinwärts. Dann 2 Spuren Gleiskörper für die Bim, gefolgt von wiederum 2 bis 3 Spuren Autoverkehr, diesmal stadtauswärts, einer Parkspur und nochmals ein Gehsteig. Das ergibt ein Band aus Asphalt und Beton von etwa 40m Breite, eingepresst zwischen Häuserschluchten links und rechts. Ähnlich wie wir es bereits weiter oben gezeigt haben heizt sich auch diese Straße stark auf. Alle, die diesen Bereich der Laxenburger Straße kennen,  werden dies bestätigen.


Rendering mit viel Grün als Beispiel, wie die Laxenbruger Straße aussehen könnte
Beispiel für eine umgestaltete Laxenburger Straße

WAS KÖNNEN WIR HIER VERBESSERN?

Die einfachste Maßnahme vorab: Bäume pflanzen! Ja, wir werden entlang der Laxenburger Straße einige Parkplätze opfern und zum Beispiel auf jedem 4. Parkplatz einen Baum pflanzen müssen. Dies würde bereits viel Schatten spenden und die Lebensqualität in der Gegend  steigern. 

Eine weitere Maßnahme ist vielleicht nicht so naheliegend: Rasengleise für die Straßenbahn-Linie O. 

Was auf den ersten Blick absurd erscheint macht durchaus viel Sinn. Wir haben es ausgemessen und nachgerechnet: vom Hauptbahnhof bis zur Abbiegung der Linie O in die Troststraße sind es 1800 m. Der Gleiskörper ist etwa 7 m breit. Das ergibt 12.600 m2 Fläche. Zum Vergleich dazu: das Ernst-Happel-Stadion im Prater hat eine Rasenfläche von ca 6500 m2. Würden wir in der Laxenburger Straße Rasengleise errichten, so würde dies etwa eine doppelt so große Grünfläche ergeben wie in unserem Nationalstadion – und das mitten im Herzen von Favoriten! Zusätzlich würde hier durch diese Entsiegelung Regenwasser versickern können, ein weiterer kühlender Effekt. 

Kombiniert man Baumpflanzungen mit den Rasengleisen, so würde der kühlende Effekt durch die über den Wienerberg schwappende Frischluft nicht erst nach Mitternacht einsetzen, sondern schon viel früher.

Wenn wir zudem auch noch mit Grünzügen, also dicht mit Bäumen bepflanzte Straßen, die kleinen Parks in Innerfavoriten untereinander verbinden, erhalten wir ein schönes Grünnetz das die heißesten Teile des Bezirks mit kühler Frischluft versorgt. Als nützlichen Nebeneffekt könnten sich auch viele Tiere besser in der Stadt ausbreiten. 

Wir müssen jetzt mit den Vorbereitungen beginnen, denn derartig große Projekte dauern viele Jahre bis zur Fertigstellung. Denn auch wenn der heurige Sommer in Wien ein wenig kühler ist als die letzten Jahre, so sollten wir uns nicht täuschen lassen. Der Klimawandel ist nicht gestoppt, er macht heuer nur Urlaub am Polarkreis und in Sibirien wo es seit mehreren Monaten beinahe 40 °C hat