Supergrätzl

Ansicht einer Kreuzung mit aufgemalter Verengung und Sitzmöglichkeiten an der Straße

Wie „Super“ ist das neue Grätzl?

Nach fast zehn Jahren wurde unser Antrag auf einen Superblock (oder auf wienerisch „Supergrätzl“) letztendlich doch noch in Favoriten umgesetzt!

Die Pilotphase

Mit dem Supergrätzl wird endlich eine Grüne Idee für Wien Realität – wenngleich auch nicht rund um den Paltrampark sondern beim Erlachplatz. Auch in der Leopoldstadt gab es mit dem Volkertviertel schon ein fertig ausgearbeitetes und wissenschaftlich begleitetes Projekt, welches nun als Vorlage für jenes in Favoriten gedient hat.

In Favoriten wurde mit 24.06.2022 die Pilotphase des „Supergrätzls“ eingeläutet. Kern sind eine kleine Fußgängerzone sowie vier Modalfilter. Dies sind Maßnahmen, die bestimmte Arten von Verkehrsteilnehmern – in diesem Fall Fahrräder, Fußgänger:innen und Roller – durch lassen und anderen (hier Autos) die Durchfahrt versperren. So soll den Menschen vor Ort gezeigt werden, wie die Endausbaustufe des Supergrätzls ausschauen wird. Hier hat die SPÖ vieles aus dem alten Konzept der Grünen übernommen, aber offenbar hat sie auf den letzten Metern der Mut verlassen. 

Bildliche Darstellung der Modalfilter: an einer Kreuzung wird mit Farbmarkierungen und Pollern die Durchfahrt für Autos gesperrt und für Radfahrer frei gehalten.
Modal- bzw. Diagonalfilter werden bei der Eröffnung noch mal bildlich erklärt.

„Mit wenig Liebe verbrennt die SPÖ das ungeliebte Planungsprinzip Superblock, der mögliche Mehrwert wird minimiert.“ sagt Gemeinderat Kilian Stark, Mobilitätssprecher der Grünen in Wien.

Grundsätzlich scheint die Planung nicht schlecht, ein Lokalaugenschein zeigt noch deutliche Verbesserungsmöglichkeiten: viele Autofahrende halten sich nicht an die neuen Verkehrsregeln, die Modalfilter* können ganz leicht umfahren werden, da sie nur aus einem einzigen Poller in der Mitte der Straße und sehr viel Bodenmarkierungen bestehen. Das aufgestellte Stadtmobiliar (Tische, Bänke, kleine Bäume in Trögen) stammt offenbar aus dem Lager nicht benötigten Inventars der Straßenbauaubteilung und wirkt lieblos verloren auf weitläufigem Asphalt. Es ist fraglich, ob sich Menschen gerne direkt an eine Straßenkreuzung bei der Hitze ohne Schatten setzen wollen. Warum auch nicht gleich alle Einbahnen für Radfahrende geöffnet wurden ist völlig unverständlich. Die Pilotphase soll genutzt werden um der Bevölkerung zu zeigen, wie das fertige Supergrätzl ausschauen soll – ob das so gelingen wird bleibt offen, vor allem wenn viele der möglichen Vorteile noch gar nicht oder nur lieblos umgesetzt werden.

Was soll ein Supergrätzl bringen:

  • Mehr Grünraumanteil
  • Verkehrsberuhigung durch Unterbinden des Auto und LKW Durchzugverkehrs
  • Mehr Platz für Menschen und sichere Fortbewegung zu Fuß und mit dem Rad
  • Partizipation der Anrainer:innen und nutzenden Menschen

Wie ist das jetzt in der Pilotphase umgesetzt: 

  • Mehr Grün?
    Kaum sichtbar! Es gibt wenige Hochbeete und kleine Bäume in Trögen. Damit wird noch lange kein kühlender Effekt geschaffen  und genügend Schatten gespendet, um sich angenehm in der Straße bewegen zu können
  • Weniger Verkehr?
    Funktioniert so, wie jetzt dargestellt nicht. Die Unterbindung des Durchzugsverkehrs ist zu wenig konsequent umgesetzt, Autolenker:innen fahren einfach um die Poller über die Bodenmarkierungen. Auch wenn Verkehrszeichen klar die Regeln aufzeigen, werden sie oft ignoriert. 
  • Mehr Platz für Menschen?
    Relativ wenig Platz wird so umverteilt, dass der Straßenraum attraktiv zum Aufenthalt wird. Bänke in der prallen Sonne, direkt neben parkenden KFZ auf überhitzen Asphalt laden nicht dazu ein, sich dort gemütlich hinzusetzen oder auszuruhen.
  • Partizipation der Anrainer:innen und nutzenden Menschen?
    Die Schautafeln sind leider nicht selbsterklärend, die Bemalung und Gestaltung der Straße für Menschen ohne Vorwissen in der Stadtentwicklung nicht verständlich. Es bleibt offen, wie der Bezirk oder die Stadtregierung damit umgehen wird, wenn sogar weitreichende Maßnahmen gefordert werden. Es besteht die Sorge, dass international anerkannte Lösungen von der Richtlinien-Bürokratie in Wien verhindert werden.

Und die Vorteile?

Es ist zu befürchten, dass die Bevölkerung und verortete lokale Wirtschaft den Mehrwert eines Supergräzels nicht erkennt. Wenn die Stadt das Planungsprinzip „Superblock“ in Wien etablieren will, dann müsste man in einem  Pilotprojekt deutlich mehr Qualität und Konsequenz erkennen, denn eine Schmalspurvariante wird niemanden begeistern. 

In der finalen Ausbaustufe braucht es hier unbedingt klare Verkehrsregeln, bessere Strukturen für die Aufenthaltsqualität (z.B auch Sitzbänke im Schatten) oder eine Ausweitung der Fußgänger:innenzone bis zum Erlachpark. Es steht auch noch nicht fest, ob alle Bäume, die geplant sind, auch gepflanzt werden.

Viele weitere Punkte sind uns aufgefallen, die bei der späteren Umsetzung, aber auch bei zukünftigen „Supergrätzln“ in Wien mitbedacht werden müssen, dass sie den modernen Bedürfnissen einer immer heißer werdenden Stadt gerecht werden:

  • Das Gebiet befindet sich eingeschlossen von stark befahrenen Straßen, auf denen das Radfahren sehr unangenehm ist. Es ist nett, dass zwar im Gebiet nun in alle Richtungen gefahren werden kann, aber man kann weder sicher in das Gebiet hinein, als auch hinaus fahren. Hier braucht es dringend Nachbesserungen für den Radverkehr in direkter Umgebung des Grätzls.
  • In der Visualisierung des „nachher“-Zustands sollen weiter Schrägparkspuren die Gehsteige verschmälern und das Gros des Öffentlichen Raums weiter privaten KFZ statt Menschen und Grünflächen zur Verfügung stehen. Zeitgleich stehen ca 1/3 der Garagenplätze und Innenhofstellplätze für PKW leer. Auf die 600 Oberflächenstellplätze und  etwa 350 Tiefgaragenplätzen im Grätzl kommen laut Magistrat etwa 650 im Gebiet gemeldete Autos. Parkplatznot ist also zumindest rechnerisch kein Problem.
  • Die Zahl der Durchfahrten ließen sich durch das Errichten von Sackgassen stark reduzieren, ohne dass der Rad- und Fußverkehr beeinträchtigt werden würde.
    Im Stuwerviertel in der Leopoldstadt wurden so „Schleichwege“ durchs Wohngebiet abgestellt – und so eine angenehme Situation für die Anrainer:innen geschaffen.
  • Die Zahl der Radabstellplätze und Verweilmöglichkeiten für zu Fuß Gehende muss dringend erhöht werden, wenn man will, dass sich die Menschen mit klimafreundlicherer Mobilität bewegen sollen.
  • Die sich in direkter Nähe befindliche BHAK/BAHS 10 in der Pernerstorfergasse 77 wurde in die Planungen nicht mit einbezogen, da sie knapp außerhalb des Planungsgebiets liegen – auch deren Schulumfeld muss in einer Erweiterung mitbedacht werden. Eine Umwidmung in eine Schulstraße, wie von den Favoritner Grünen im Wahlkampf 2020 vorgeschlagen, wäre eine gute Lösung.
  • Man muss auch beginnen die lokale Wirtschaft mitzudenken. Kleine Läden und Gasthäuser bringen in Verbindung mit ebenfalls vorhandenen konsumfreien Bereichen eine beruhigte Zone erst so richtig zum erblühen – so wie man es in aus den Städten Italiens, Spaniens oder Kroatiens kennt und schätzt.

Wir werden weiterhin die Entwicklung kritisch beobachten und uns in die weiteren Gestaltungsprozesse einbringen, damit dieses Gebiet dem Namen eines Supergrätzls auch gerechter wird. Wienweit werden wir weiterhin den Druck aufrecht halten, dass die Verkehrsberuhigungskonzepte der Superblocks in ganz Wien zur Anwendung kommen.

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