Klimafit im Gemeindebau

Fassade eines Gemeindebaus mit Aufschrift "Errichtet 1925-1928"



Leistbares Wohnen und Klimaschutz

Der Weg zur Klimaneutralität bis 2040 führt auch über den Gemeindebau. Der Umstieg auf erneuerbare Energie ist zentral für die Verhinderung der Klimakatastrophe und bekämpft steigende Wohnkosten.

Wir haben gerade eine UN-Klimakonferenz erlebt, die sehr enttäuschende Ergebnisse hervorgebracht hat. Der Ausstieg aus Öl und Gas hat es nicht einmal ins Abschlussdokument geschafft. Wir befinden uns auf dem Weg zu einer Erderhitzung um mehr als drei Grad. Das ist ein katastrophaler Weg. Lebensraum für Milliarden Menschen würde vernichtet, Teile unseres Planeten würden unbewohnbar. Wir haben keine Zeit darauf zu warten, bis sich die Weltgemeinschaft zu einem ambitionierteren Kampf gegen die Klimakatastrophe durchringt. Jede Tonne CO2, die wir einsparen, hilft.

Klimaneutralität der Gebäude

Die Klimaneutralität bis 2040 ist für den Gebäudebereich eine große Herausforderung. Der Gebäudesektor verursacht ca. ein Drittel der Treibhausgasemissionen in Wien. Wiener Wohnen ist für 220.000 Gemeindewohnungen verantwortlich – ein Viertel des gesamten Wiener Wohnungsbestandes. Deshalb ist es von großer Bedeutung für die Erreichung der Klimaziele, dass Wien ambitionierte Schritte in Richtung Klimaneutralität geht.

Wiener Wohnen ist aber derzeit nicht Vorreiter, sondern Schlusslicht in Sachen Klimaschutz. Bei 44 Prozent der Mietobjekte in städtischen Wohnhausanlagen beruht die Heizungs- und Warmwasserversorgung ganz oder teilweise auf Gasheizungen. Der Rest der Mietobjekte wird vollständig mit Fernwärme versorgt. Insgesamt liegt für 86 Prozent der Mietobjekte die Fernwärme zumindest vor der Tür.

Hohe Abhängigkeit von Gas

Jetzt werden manche vielleicht sagen: Großartig! Da sind wir aber schon weit. Dabei wird aber oft ein entscheidender Punkt übersehen: Fernwärme wird fast vollständig mit fossilem Gas erzeugt. Und das Potenzial für die Dekarbonisierung der Fernwärme ist beschränkt. Mit dem Tiefengeothermie-Projekt, das in Aspern bis 2026 erbaut wird, können etwa 20.000 Haushalte versorgt werden. Allein im Gemeindebau sprechen wir vom sechsfachen Bedarf. Das geht sich nicht alles mit dekarbonisierter Fernwärme aus.

Wir brauchen die Fernwärme nämlich auch für jene Gebäude, die besonders schwer umzustellen sind, etwa für die gründerzeitlichen Viertel innerhalb des Gürtels. Wenn nun Wiener Wohnen fast ausschließlich auf Fernwärme setzt, dann nimmt das Potenzial für die Umstellung anderer Gebäude weg. Kurz gesagt: Auch Wiener Wohnen muss sich bemühen auf alternative Wärmeversorgung umzustellen, wenn Wien die Klimaziele erreichen will. Und dieses Bemühen ist derzeit nicht erkennbar.

Schlusslicht Wiener Wohnen

Eine Anfrage der Wiener Grünen zur erneuerbaren Energieversorgung im Gemeindebau zeigt, wie groß der Nachholbedarf ist.

  • In den 1.670 Gemeindebauten waren Stand 2022 nur acht Photovoltaikanlagen im Einsatz. Rund 60 weiter Projekte waren in Prüfung.
  • Solarthermieanlagen waren in 3 Wohnhausanlagen im Einsatz.
  • Dezentrale Wärmepumpenanlagen waren Stand 2022 in keinem Gemeindebau im Einsatz.

Die offenkundige Untätigkeit beim Umstieg auf erneuerbare Energiequellen ist nicht nur ein Problem für den Klimaschutz. Der fehlende Einsatz von erneuerbaren Alternativen wird auch zur Belastung für die Leistbarkeit der Heiz-, Warmwasser- und Kühlungskosten.

Leistbarkeit: Von Gas befreien

Die Abhängigkeit von fossilem Gas trägt neben den Mieten zunehmend zur Steigerung der Wohnkosten bei. Wer leistbares Wohnen zum Ziel hat, muss so rasch wie möglich Energiesouveränität herstellen. Die Mieter:innen müssen aus der Abhängigkeit von teurem Gas befreit werden.

Eine Kombination aus dezentralen Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen und Sanierung wäre nicht nur die beste Variante für das Klima. Diese Kombination wäre auch die kostengünstigste Variante für die Mieter:innen. Das zeigt eine Analyse zu Dekarbonisierungswegen für Wiener Wohnen, die 2020 – also vor dem Angriffskrieg gegen die Ukraine – veröffentlicht wurde. Seitdem ist der Gaspreis explodiert und die Grünen haben in der Bundesregierung die Förderungen für den Umbau auf erneuerbare Energiesysteme massiv ausgeweitet. Der Entlastungseffekt für die Mieter:innen wäre also mittlerweile noch größer.

Die Wohnbaustadträte Faymann und Ludwig haben den Gemeindebau über Jahrzehnte sträflich vernachlässigt. Diese Untätigkeit schadet nun nicht nur dem Klima. Sie schadet auch den Mieter:innen im Gemeindebau und ihrem Geldbörserl. Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál muss den ihr hinterlassenen Scherbenhaufen jetzt aufräumen. Der Gemeindebau sollte Vorbild in Sachen Klimaschutz werden. Dazu gilt es zunächst einmal den Rückstand, den Faymann und Ludwig verursacht haben, aufzuholen.

Sanierungsrückstand in Favoriten

Sanierungsbedarf nach Anlagen: von 139 Anlagen haben 26% einen Sanierungsrückstand, 50% weiteren Sanierungsbedarf bis 2040 und 24% keinen Sanierungsbedarf bis 2040

Sanierungsbedarf nach Anlagen: von 139 Anlagen haben 26% einen Sanierungsrückstand, 50% weiteren Sanierungsbedarf bis 2040 und 24% keinen Sanierungsbedarf bis 2040

Sanierungsbedarf nach Wohungen: von 30000 Wohnungen haben 24% einen Sanierungsrückstand, 46% weiteren Sanierungsbedarf bis 2040 und 30% keinen Sanierungsbedarf bis 2040

Sanierungsbedarf nach Wohungen: von 30000 Wohnungen haben 24% einen Sanierungsrückstand, 46% weiteren Sanierungsbedarf bis 2040 und 30% keinen Sanierungsbedarf bis 2040

Eine Herausforderung stellt nämlich auch die Sanierung des Gemeindebaus dar. Der massive Rückstand bei der thermischen Sanierung wurde zuletzt in einem Rechnungshofbericht aufgezeigt: Um einen Sanierungszyklus von 30 Jahren einzuhalten und gleichzeitig den Sanierungsrückstand abzubauen müssten bis 2040 durchschnittlich 85 städtische Wohnhausanlagen pro Jahr saniert werden, mit jeweils 9.750 Wohnungen.

In Favoriten ist der Sanierungsrückstand groß: 24 Prozent der städtischen Wohnungen im 10. Bezirk sind von Sanierungsrückstand betroffen, liegen also in Wohnhausanlagen, die länger als 30 Jahre nicht mehr saniert wurden, viele davon noch nie. Weitere 46 Prozent der Gemeindewohnungen in Favoriten liegen in Gebäuden, die bis 2040 saniert werden müssen. Will man den Rückstau abbauen und einen wirtschaftlich und ökologisch sinnvollen Sanierungszyklus von 30 Jahren einhalten, müssen im 10. Bezirk bis 2040 76 Prozent der städtischen Wohnhausanlagen saniert werden.

Dieser schlechte thermische Sanierungszustand verschärft auch das Problem mit dem hohen Fernwärmeanteil von Wiener Wohnen. Denn je besser der Sanierungszustand, desto mehr Gebäude können mit dekarbonisierter Fernwärme versorgt werden. Ein schlechter Sanierungszustand der städtischen Wohnhausanlagen reduziert das Versorgungspotenzial der Fernwärme für andere Gebäude. Kurz gesagt: Die Fernwärme, die im Gemeindebau aufgrund schlechter Sanierung beim Fenster rausgeheizt wird, fehlt an anderer Stelle.

Umsetzungsplan für Klimaneutralität

Wenn die Klimaneutralität bis 2040 erreicht werden soll, bleiben für die Dekarbonisierung von Wiener Wohnen nur noch 17 Jahre. Ein ernstgemeinter Dekarbonisierungs- und Sanierungspfad für die städtischen Wohnhausanlagen fehlt aber. Die politisch verantwortliche Stadtregierung muss dafür sorgen, dass Wiener Wohnen in Sachen Klimaschutz vom Schlusslicht zum Vorreiter wird. Wien muss auch mit den eigenen Gebäuden einen couragierten Beitrag zur Bekämpfung der Klimakrise leisten. Deshalb braucht es dringend einen ernst gemeinten Klimaschutzplan für die städtischen Wohnhausanlangen, der die Mieter:innen im Gemeindebau vor steigenden Wohnkosten schützt.