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am 6. April

Es wird wärmer - Gedanken zum Klimawandel

Markus Strutzenberger-Egger - In Wien wird es Experten zufolge im Jahr 2050 fast 10 Grad wärmer sein als heute. Ist das alles nur übertriebene Panikmache, oder müssen wir uns tatsächlich auf eine derart radikale Änderung einstellen - oder etwas dagegen tun?

Ich darf Sie einladen mit mir auf eine Reise mitzukommen!


Auf eine Reise in die Vergangenheit, in Ihre Kindheit, Jugend, oder Ihr Leben als Jungeltern - ins Jahr 1990. Und auch auf eine Reise in die Zukunft, ins Jahr 2050. Für diese Zukunft prognostizieren uns Wissenschaftler nämlich eine Erwärmung der Stadt um beinahe 10 Grad.

Wien würde dann in etwa so heiß sein wie in Skopje, Istanbul, oder Rom. 10 Grad - das klingt nach unglaublich viel, und ja, das ist es auch. Und so gibt es auch nicht wenige Menschen die diese Zahlen anzweifeln. Man spricht dann gerne von Klimawandel-Gegnern oder sogar Klimawandel-Leugnern. Ich bin kein Freund dieser Begriffe, die Wahrheit ist vermutlich viel banaler: Menschen können sich diese tiefgreifende Änderung schlichtweg nicht vorstellen.

Sonne
Corona Virus

Vielleicht bringt uns die aktuelle Corona Krise aber als Gesamtgesellschaft zu ein wenig mehr Verständnis. Viele Menschen konnten sich vor wenigen Monaten auch noch nicht vorstellen, dass das Corona Virus in Europa zu einem Problem werden könnte. Immerhin sind auch SARS und andere Virusinfektionen beinah spurlos an uns vorbei gegangen. Und selbst als sich die ersten Krankheitsfälle in Italien zeigten war man noch nicht sonderlich verständnisvoll. Die ergriffenen Maßnahmen des Grünen Gesundheitsministers Rudi Anschober wurden von Vielen mit Unverständnis kommentiert. Vielerorts hörte man "es sei ja eh nicht schlimmer als eine normale Grippe". Erst als sich in Italien, Frankreich, Holland und anderen Ländern die Todesfälle massiv häuften, und Menschen starben, die unter normalen Umständen noch viele Jahrzehnte zu Leben gehabt hätten, änderte sich dieses Bild. Verglichen mit dem Leid welches man in vielen anderen Staaten rund um den Erdball momentan sieht, konnten in Österreich - vor allem durch Änderung unseres gewohnten Lebensstils - unnötige Todesfälle weitgehend verhindert werden.

Wenn wir die Corona-Krise mit dem Klimawandel vergleichen, so erkennt man schnell viele Parallelen. Bei beiden gibt es Zweifler und Leugner, beide haben eine große Auswirkung auf unsere Lebensrealität, und beide erfordern ein geschlossenes gemeinschaftliches Handeln.

Der große Unterschied liegt darin, dass der Klimawandel im Vergleich zur Corona-Krise viel langsamer abläuft. Aber machen wir uns nichts vor: beide werden zu vielen Toten führen wenn wir nichts dagegen unternehmen!​​

An niemand anderen als uns selbst liegt es, ob wir aktiv etwas gegen den Klimawandel tun, uns ein wenig mäßigen und so die Klimaerwärmung zumindest begrenzen, oder sogar stoppen können. Oder ob wir weitermachen wie bisher und dann die 10 Grad Marke in Städten sogar noch überschritten wird.

Was entgegnen wir nun den Zweiflern? Wo sind die Zeichen und Daten die darauf hinweisen, dass die Klimakrise nicht einfach nur künstlich hochgekocht wird?

Erde
Gehen Sie mit mir gemeinsam zurück zum​​ 1. Jänner 1990

Damals waren Winter noch richtige Winter. Es gab oft durchgehend Schnee von Oktober bis März. Als ich Anfang der 1990er Jahre zum Studieren nach Wien gekommen bin war ich noch öfters auf der Hohen-Wand Wiese Ski fahren. Und zwar auf echtem Schnee, nicht auf Plastikmatten. Und auf der zugefrorenen Alten Donau konnte man jedes Jahr Eis laufen. Wochen ohne Schnee und mit Plusgraden waren tatsächlich die Ausnahme. Minus 20 Grad Frost in der Nacht waren keine Seltenheit. Vergleichen wir dies mit heute wird die Änderung sichtbar: 20 Grad im Februar hat es jetzt auch. Aber leider sind es Plusgrade, und nicht jene unterhalb des Gefrierpunkts.

Am offensichtlichsten wurde es, als ich darüber sinnierte wie ich selbst in meiner Kindheit die Winterszeit verbrachte. Nach der Schule wurden schnell die Hausaufgaben 'hingefetzt', und anschließend schnappte man sich Bob oder Schlitten und ging hinaus. Mit Geschwistern, Nachbarn und Freunden rauf auf den nächsten Hügel und runtergerutscht. So ging das 2 Stunden lange, bis man eine rote Nase, blaue Lippen und durchgefrorene Finger und Zehen hatte. Wie wohltuend war danach der Tee oder die warme Milch die uns die Oma oder unsere Mutter in der warmen Küche gerichtet hat!
Wenn ich diese Erinnerungen mit den Wintern meiner eigenen Kinder vergleiche, dann wird der krasse Unterschied sichtbar. Während ich mit meiner ältesten Tochter (15) zumindest noch ein paar mal rodeln war, ist dies mit unserer Kleinsten (4) nicht mehr möglich gewesen - es lag in den letzten Jahren schlicht kein Schnee zum Rodeln.

Veränderung ist nötig

Eine Gruppe Menschen tut sich ganz besonders schwer diese Änderungen sehen zu wollen - eingeschworene Autoliebhaber. Aber könnt Ihr euch noch an eure eigene Kindheit erinnern? Als der Papa im Winter eine halbe Stunde früher aufgestanden ist als sonst? Zuerst wurde mal 10 Minuten Schnee geschaufelt und dann wurde das Eis von den Scheiben gekratzt. Ich habe bis heute das ganz typische Geräusch in den Ohren wenn eine ganze Straße in der Früh eine viertel Stunde lange still schweigend vor sich hin kratzt. Zuerst mühsam über die Motorhaube beugen und die vordere Scheibe freilegen, dann hinten kratzen. Und auch nicht die Scheinwerfer und Bremsleuchten vergessen! Um dann mit klammen, durchgefrorenen Fingern das Auto irgendwie aus der Parklücke rauszubewegen. Und nun seien Sie ehrlich zu sich selbst: wann haben SIE das letzte mal Eis gekratzt? Ich kann Ihnen auf jeden Fall verraten, dass ich im vergangenen Jahrzehnt kein einziges mal Eis gekratzt habe. Wir haben nämlich so lange schon nicht mal mehr einen Eiskratzer im Auto. Wozu auch?

Ich glaube wenn man ehrlich ist und bewusst zurück in die Vergangenheit blickt, dann wird ganz klar sichtbar, dass der Klimawandel schon längst Realität geworden ist. Wir müssen und damit abfinden, dass es 'echte Winter' in Wien nicht mehr geben wird. Und auch, dass sich Spinnen und Käfer aus dem mediterranen und asiatischen Raum bei uns ansiedeln werden da es keinen Winterfrost mehr gibt. Und auch, dass es in Wien in Zukunft noch viel heißer werden wird als jetzt schon. Waren im Jahr 1980 gerade einmal 28 Sommertage, also Tage über 25 Grad Celsius, so waren es 1990 schon 44 und 2016 sowie 2017 85 [1]​. Also fast 3 Monate hindurch Hitze. Und konnte man früher die Tage mit über 30 Grad an einer Hand abzählen (4 im Jahr 1980, 16 im Jahr 1990), so hatten wir im Jahr 2017 bereits deren 38.

Das Jahr 2050 scheint noch weit weg zu sein

1990 kommt mir hingegen vor als sei es gestern gewesen. Aber wenn man sich dann bewusst macht, dass der 1. Jänner 1990 bereits weiter zurück liegt als der kommende 1. Jänner 2050, so relativiert sich die Zeit die uns verbleibt doch deutlich.

Für mich ist klar: um auch für unsere Kinder und Enkelkinder in Zukunft ein lebenswertes Wien zu erhalten, müssen wir beim Thema Klimawandel genauso entschlossen handeln wie bei der Corona-Krise.